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Bewegungspresse, politische Netzwerke und sozialer Konflikt in Südtirol
Die Geschichtsschreibung zu den sozialen Bewegungen des langen 1968 hat in den letzten Jahrzehnten eine intensive kritische Neubewertung erfahren. Südtirol, eine mehrsprachige Grenzregion, in der nationale Konflikte historisch mit Klassenkonflikten überlagert wurden, ist in dieser Debatte weitgehend unberücksichtigt geblieben. Einerseits, für die Zeit nach 1972 spricht Hans Heiss offen von einer terra incognita der Landesgeschichte; andererseits ist Heiss der Meinung, dass die Bewegungsphase um 1968 als eine kurze, isolierte «heiße Viertelstunde» zu bezeichnen ist. Das Projekt untersucht, ob diese Lesart zutrifft, oder ob das Südtiroler 1968 nicht als Höhepunkt eines ephemeren Phänomens zu verstehen ist, sondern als Startschuss für einen länger andauernden Zyklus sozialer Bewegungen und Mobilisierungen.
Mit einem weit gefassten Begriff der sozialen Bewegung schließt die Untersuchung Studierenden-, Frauen- und Umweltbewegungen ein, aber auch die Entwicklung des Gewerkschaftswesens, der Netzwerke der außerparlamentarischen Linken sowie die Netzwerke der italienischen und deutschen extremen Rechten. Der methodische Kernbeitrag liegt in einem Perspektivenwechsel: Nicht mehr die externe mediale Darstellung der Bewegungen steht im Mittelpunkt, sondern die Analyse ihrer eigenen Zeugnisse wie z.B. Flugblätter, Plakate, Periodika, Tondokumente, die als primäre Quellen zur Rekonstruktion ihrer Sprachen, Netzwerke und internen Praktiken dienen.
Besonderes Augenmerk gilt der Rekonstruktion transnationaler Netzwerke, die aus der studentischen Mobilität zu italienischen und deutschsprachigen Hochschulen entstehen: einem Kanal, über den heterogene politische Sprachen und Handlungsrepertoires auch nach Südtirol gelangen. Gerade diese Grenzlage, an der Schnittstelle zwischen den sozialen Bewegungen Italiens, Österreichs und Deutschlands, macht Südtirol zu einem historiografisch bedeutsamen Fallbeispiel. Die Regionalgeschichte ermöglicht es somit, die sprachlichen Randgebiete Europas nicht als verspätete Ausläufer der Zentren zu betrachten, sondern als Räume, in denen Formen des Widerstands spezifische Ausprägungen annehmen, die in der Lage sind, die vorherrschenden Interpretationsmodelle in Frage zu stellen.